Was bleibt von einer Ausstellung wie Yayoi Kusama in Köln?

Eine sich schlängelnde nicht endende Schlange in gelber Farbe mit schwarzen Punkten und Mneshcen mittendrin.

Manche Orte verlassen wir mit Fotos. Andere mit Fragen. Die Yayoi-Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig hat mich vor allem über unsere Wahrnehmung nachdenken lassen.

Und darüber, dass wir vermutlich nie dieselbe Ausstellung besichen. Noch bevor ich das erste Kunstwerk wirklich betrachtet hatte, fiel mir etwas auf: Die anderen Menschen.

Manche hatten sich zügig von Raum zu Raum bewegt, als wollten sie möglichst viel sehen. Andere blieben minutenlang vor einem einzigen Werk stehen. Einige lasen jede Wandbeschriftung, andere schienen sie gar nicht wahrzunehmen. Und viele hielten ihr Smartphone häufiger vor sich als den eigenen Blick.

Wir alle sind durch dieselbe Ausstellung gegangen – und doch hatte ich den Eindruck, dass jeder eine andere besucht hat. Ein Gedanke, der bleibt.

Kusamas Werke sind kaum zu übersehen.

Ihre Punkte, Spiegel und unendlichen Muster ziehen den Blick fast magisch an. Sie wirken verspielt und präzise zugleich, überwältigend und gleichzeitig meditativ. Vielleicht sind sie auch deshalb so fotografiert. Sie funktionieren als Bild – auf dem Smartphone genauso wie an der Museumswand.

Doch während ich die Werke betrachtete, interessierte mich zunehmend etwas anderes: Wie unterschiedlich wir ihnen begegnen. Manche Menschen scheinen eine Ausstellung sammeln zu wollen. Sie gehen möglichst vollständig durch alle Räume, fotografieren jedes Werk und nehmen Erinnerungen in Form von Bildern mit nach Hause.

Andere suchen einen Moment, der sie festhält. Ein einziges Bild, vor dem sie länger stehen bleiben als geplant. Ein Werk, das Fragen aufwirft oder etwas in ihnen berührt, das sich nicht sofort in Worte fassen lässt.

Vielleicht gibt es dabei gar kein richtig oder falsch. Denn Kunst entsteht nicht erst im Atelier. Sie entsteht auch im Moment der Begegnung.

Jeder Mensch bringt seine eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Erinnerungen mit in eine Ausstellung. Wir betrachten dieselben Werke – und sehen doch unterschiedliche Dinge. Nicht, weil die Kunst sich verändert, sondern weil wir es tun. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnert mich das an Kommunikation.

Auch Worte werden nicht einfach übertragen. Sie werden übersetzt. Von den Erfahrungen derjenigen, die sie hören. Von ihrer Stimmung, ihrem Wissen, ihren Erinnerungen. Zwischen dem, was gemeint ist, und dem, was verstanden wird, liegt immer die Perspektive des Gegenübers.

Vermutlich fasziniert mich Kunst deshalb so sehr.

Nicht, weil sie eindeutige Antworten gibt, sondern weil sie sichtbar macht, wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen. Zwei Menschen können vor demselben Werk stehen und etwas völlig Verschiedenes mitnehmen – und beide haben recht.

Als ich das Museum verlassen habe, fragte ich mich nicht mehr, welches Bild mir am besten gefallen hat, sondern vielmehr, was eigentlich von einer Ausstellung bleibt.

Vielleicht sind es gar nicht die Werke selbst. Vielleicht bleibt vor allem die Art, wie sie unseren Blick auf die Welt – und auf uns selbst – für einen Moment verändert haben.